Reiner Storypost:
Der Thronrat tagte schon eine ganze Weile unter der Führung von Kronprinz Haben.
Natürlich war große Unruhe in die Versammlung gekommen, als die Anschlagspläne verkündet wurden.
Haben selbst wirkte nicht so sehr überrascht. Er wusste seit jeher, wie gefährlich diese Position war.
Und das war auch der Grund gewesen, warum er für lange Zeit ausgerechnet in Forwacht untergetaucht war.
Es mussten einige Entscheidungen getroffen werden. Vorrang hatte natürlich der Krieg gehabt.
Denn - wie so oft in letzter Zeit - gab es mal wieder beunruhigende Nachrichten von der Front.
Zwar war es dem König selbst gelungen in Medinaw beachtliche Fortschritte zu erzielen.
Doch dann erreichte ihn wie auch uns eine sehr irritierende Nachricht und das nichtmal aus dem Südosten.
Seit jeher wurde die Stadt Ravenberg von zwei Personen geführt. Eine davon, Anivia, war im Thronrat.
Die andere war in der Stadt geblieben, um die dortigen Geschicke zu leiten.
Die Stadt war gar nicht mal so weit entfernt von Medinaw. So ungefähr zwei Tagesreisen brauchte man.
Und scheinbar hatte sich die zweite Fürstin von Medinaw auf die Seite der Rebellen gestellt.
Sie hatte dem Militär befohlen nach Medinaw aufzubrechen und hatte wohl vor, dem König in den Rücken zu fallen.
Das war selbstverständlich Hochverrat in seiner allerschlimmsten Form und das wussten auch die Soldat*innen.
Scheinbar hatte besagte Fürstin auch nicht in allen Teilen ihrer Truppen genügend Rückhalt und es gab eine Meuterei.
Doch andere Teile verteidigten die Fürstin widerum. Das Resultat war der Beginn eines Bürgerkrieges in Ravenberg.
Selbstverständlich musste Anivia aus diesem Grund unverzüglich nach Ravenberg zurückkehren.
Wir wussten alle nicht, wie das ausgehen würde. Ob sie in wenigen Tagen dort noch Fürstin sein würde?
Doch wir hofften alle, dass sie Erfolg haben würde, denn ein Fall von Ravenberg hätte katastrophale Folgen.
Tatsächlich gab es auch in Keratin im Osten zunehmend Unruhen. Dort herrschte Hunger und die Bevölkerung litt.
Der Kronprinz selbst hatte jedoch auch noch einen ganz anderen Fokus entwickelt.
Seit Tagen hatten Seismologen von ungewöhnlichen Bewegungen in der Gegend von Deastrom gewarnt.
Würde es etwa ein Erdbeben geben? Wir wussten es nicht, aber die Stadt musste vorbereitet werden.
Die Koordination dazu sollten die Priester des Tempels der Berge übernehmen. Jeder hörte auf sie.
Als die Versammlung sich dem Ende zuneigte, kam der Kronprinz noch auf einen anderen Punkt zu sprechen.
Ihm - und nicht nur ihm - war Taleas komisches Verhalten in den letzten Tagen aufgefallen.
Er bat diese also sich zu erklären. Doch sie sprach auch völlig anders als zuletzt in Heviar.
Mampfred sprang entsetzt auf. Ich hatte es auch gemerkt. Hier stimmte etwas gewaltig nicht.
Mampfred forderte Talea auf aufzustehen. Sie weigerte sich. Der Kronprinz gab den Wachen ein Zeichen.
Zwei großgewachsene Männer erhoben sich und griffen sie unter den Armen.
"Schaut auf den Schatten!", rief Mampfred. Ich schaute dorthin und sah, was er meinte.
Der Schatten von Talea hatte nicht Taleas Gesichtzüge, sondern seltsame Tentakeln. Ich keuchte.
Noch war mir die Begegnung mit dem Suchenden vor dem Gasthaus präsent, der Kollja erledigt hatte.
Talea war offensichtlich eine Suchende. Kaum jemand hier außer mir dürfte wissen, was das bedeutete.
Wobei, einer vielleicht. Ich hatte selbst auch nur aus Büchern davon erfahren.
Suchende sind eine bestimmte Art von Untoten, die versuchen ihr Leben zurückzugewinnen.
Dazu saugen sie anderen noch lebenden Menschen ihre Lebensenergie aus.
Die Betroffenen waren nicht zwingend tot. Sie wurden eher auf eine komische Art apathisch und abwesend.
Wie weit das ging war unterschiedlich. Manchmal starben die Leute, manchmal regenerierten sie auch.
Suchende selbst hatten ihre Emotionen verloren. Diese kosteten zu viel Energie. Sie verfolgten kalt und instinktiv ihr Ziel.
Kurz überlegten wir Talea ins Gefängnis zu bringen. Doch ich sprach mich dagegen aus.
Wer weiß, was sie mit den Wärtern machen würde? Das hier war eher ein Fall für das Hospital. Und zwar die Spezialabteilung.
Die Alternative wäre sie hinzurichten. Aber das sprach ich nicht laut aus. Eventuell würden wir sie noch brauchen.
Denn wir wussten nicht, wie viele Suchende hier in Deastrom sind. Das war nicht der, den ich gesehen hatte.
Der Kronprinz beendete den Rat und ließ für zusätzliche Wächter*innen herbeirufen.
Sie sollten die Adeligen nach Hause begleiten. Ich selbst suchte nach Thelia und fand sie bei Habens jüngstem Bruder.
Ich dachte darüber nach, nach Hause zu gehen, aber mein Gefühl brachte mich an einen ganz anderen Ort.
Thelia und ich gingen an diesem Abend in den Tempel der Berge. Die Priester waren irritiert, aber sie gewährten uns Einlass.
Während Thelia schon lange schlief, diskuttierte ich mit den Priestern vom Tempel der Berge.
Ich hatte ein ganz komisches Gefühl bei der Sache und wohl zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich, Silon wäre hier.
Das war mein alter Rivale in den Bändigerkriegen gewesen, aber wohl der beste Luftbändiger, den ich kannte.
Aber wo auch immer er sein mochte, hier war er nicht. Unruhig schlief ich ein.
Am nächsten Tag kam der Thronrat wieder zusammen. Doch von Mampfred fehlte jede Spur.
Wir schauten im Gasthaus zur Linde vor und trafen ihn direkt dort an. Doch er erkannt uns nicht.
Ich konnte mein Entsetzen kaum nicht zum Ausdruck bringen und Haben ging es ähnlich.
Das war ein Angriff der Suchenden gewesen, eindeutig. Hoffentlich bekommen die Ärzte ihn wieder hin.
Also brachten wir Mampfred ins Hospital. Wir gingen hoch in den fünften Stock. Die Ärztinnen dort untersuchten ihn sofort.
(Kein Wunder, wenn der Kronprinz fragt.) Tatsächlich berichteten sie uns von einem zweiten solchen Fall.
Das interessierte mich. Der Mann hieß Laomedon und war mittlerweile wieder geheilt worden.
Wir unterhielten uns etwas und schließlich beschlossen Haben und ich ihn mit zum Thronrat zu nehmen.
Er schien ein recht vernünftiger Mann zu sein und würde uns sicher einige wertvolle Hinweise geben können...